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Atropa. Die Rache des Friedens

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Tom Lanoye: Atropa. Die Rache des Friedens

Regie: Anne Schneider (2012)

Besetzung: Deborah Kaufmann (Helena), Susanne Bormann (Iphigenie/Kassandra), Gabi Herz (Klytämnestra), Jule Gruner (Hekabe), Gina Henkel (Andromache), Beat Marti (Agamemnon).

Theaterdiscounter Berlin. Das Buch zum Stück beim Verlag der Autoren
Presseheft der Berliner Inszenierung Materialsammlung der Münchner Kammerspiele

Hintergrund über den Trojanischen Krieg: Langfassung Gustav Schwab, Kurzfassung für Eilige Wikipedia, Kinofilm Troja
Trailer (auch unter Youtube)


Trailer - Atropa. Die Rache des Friedens - .flv. (20MB) Mit frdl. Genehmigung der Regisseurin.









Inhalt

"Das Paradox des Friedens ist, dass er erobert werden muss. Mit Kriegsgewalt." - Heute wie vor tausend Jahren werden mit dieser Formulierung Interventionen und Kriegseinsätze auf der ganzen Welt legitimiert. Mit Atropa - Die Rache des Friedens greift Tom Lanoye die Thematik des trojanischen Krieges auf und verwebt sie mit Bezugsgrößen der heutigen westlichen Welt. Durch diesen Brückenschlag gelingt ihm ein eindrucksvolles Bild der Gegenwart im Spiegel der Antike. Ausgehend von Euripides’ und Aischylos’ Texten wird die Notwendigkeit von Krieg im Dienst von Freiheit, Demokratie und Menschenwürde beleuchtet.

Wie viel ist das Leben eines Einzelnen wert, wenn das Leben Tausender, wenn die Werte einer modernen Kultur auf dem Spiel stehen? Diese Frage stellt Agamemnon als Führer des griechischen Heeres, nachdem seine eigene Tochter als erstes Opfer fürs Vaterland fiel. Diese Frage stellte die amerikanische Politik nach dem Einsturz der Türme und vor der Tötung Saddam Husseins und Osama bin Ladens. Und diese Frage stellt sich der Welt nach dem arabischen Frühling und Enthüllungen von Wikileaks.

Tom Lanoyes Text ist eine Parabel über unsere Geschichte, vor allem aber eine tiefgründige Skizze menschlichen Handelns und Strebens. Die junge Regisseurin und diesjährige Preisträgerin des 100°-Publikumspreises Anne Schneider spürt diesem Pfad nach und erforscht das Spannungsfeld zwischen den Fronten . (Theaterdiscounter Berlin)

Susanne Bormann als Iphigenie und als Kassandra in Atropa. Die Rache des Friedens

Teil I Die Heimatfront

Heerführer Agamemnon (Beat Marti) hat ein Heer gegen Troja versammelt, das aber mangels Wind nicht in See stechen kann. Seine Tochter Iphigenie (Susanne Bormann) wird gerufen, in dem Glauben, mit dem herrlichen Krieger Achilles vermählt zu werden. Als sie heimkommt, eröffnet ihr allerdings Klytämnestra (Gabi Herz), ihre Mutter, ein ganz anderes Los: Iphigenie soll geopfert werden, um einem Orakel zufolge der Flotte Wind zu verschaffen. Iphigenie zaudert – und willigt ein. Agamemnon tötet seine Tochter Iphigenie. Klytämnestra protestiert - und sieht dennoch tatenlos zu.
Klytämnestra
Wie oft hab ich nicht hören müssen, dass ein Krieg
Von kürzrer Dauer wäre als ein Frühling?
Doch selbst wenn das so wär – (wär das kein schwacher Trost?)
Ein schnell erreichter Frieden, der ein Kind mich kostet
Karte Troja
Troja, Griechenland und die Ägäis in der Antike.  Lizenz: Creative Commons.
Susanne Bormann und Beat Marti in Atropa. Die Rache des Friedens - Szenenbild 1
Agamemnon (Beat Marti) erläutert seiner Tochter Iphigenie (Susanne Bormann), weshalb sie geopfert werden muss. Foto: Daniela Incoronato, mit freundlicher Genehmigung von Anne Schneider.
Susanne Bormann in Atropa. Die Rache des Friedens - Szenenbild 2
Iphigenie (Susanne Bormann). Foto: Daniela Incoronato, mit freundlicher Genehmigung von Anne Schneider.
Teil II Die Front im Osten

Troja liegt in Trümmern. Königin Hekabe (Jule Gruner), Andromache (Gina Henkel), Witwe des getöteten Königssohns Hektor, und andere Frauen beweinen ihr Schicksal und das ihrer einst mächtigen Stadt. Agamemnon, äußert Mitgefühl – kann aber nicht umhin, ein weiteres Opfer zu fordern. Hektors Sohn Astyanax, ein Säugling noch, könnte zur künftigen Gefahr heranwachsen. Agamemnon drängt Andromache, ihm ihren Sohn zu übergeben. Andromache fleht, appelliert und übergibt Agamemnon schließlich doch ihren Sohn, der ihn von der Mauer wirft. Hektors Schwester Kassandra, von Agamemnon als seine Geliebte auserkoren, verspricht Rache.
Agamemnon
Es darf nicht sein,
Dass Bürger eines andern Landes seufzen,
Unter Verknechtung, Willkür, Terror, Tyrannei –
Und wir die Achseln zucken, weils uns selber gut geht.
Wir tragen gern die Bürde dieser hohen Pflicht.
Wir halten durch, um jeden Preis, denn uns ist klar:
Nicht anders gehts: das Paradox des Friedens ist,
Dass er erobert werden muss. Mit Kriegsgewalt.
Teil III Wieder: Die Heimatfront

Klytämnestra empfängt den siegreichen Agamemnon – mit dem Beil in der Hand. Die Zeit hat ihre Wunden nicht geheilt. Agamemnon versteht ihren Schmerz, wirbt aber nochmals um Verständnis. Hekabe, Andromache, Kassandra und Helena (Deborah Kaufmann), deren Raub durch Paris Anlass des Krieges war, treten hinzu. Agamemnon hat sie als Sklaven und – im Fall von Kassandra als "Geliebte" – mitgebracht. Schließlich begreift Klytämnestra, welche Rolle Kassandra spielt. Nachdem sich Agamemnon entfernt hat, bittet Kassandra Klytämnestra um den Tod durch das Beil, ein Wunsch, dem Klytämnestra – zaudernd – entspricht. Kassandras Vorbild folgend lassen sich schließlich auch Hekabe und Helena von Klytämnestra richten. Als Agamemnon hinzukommt, bittet auch er um den Tod – den ihm Klytämnestra versagt.
Atropa beginnt im Vorfeld des Trojanischen Kriegs mit dem Opfer der Iphigenie, behandelt den Fall Trojas vor allem aus weiblicher Sicht und schließt mit der Heimkehr des siegreichen Agamemnon, den in Griechenland nicht ewiger Ruhm, sondern ein weiteres Blutbad erwartet. Das Opfer der Iphigenie bleibt nicht ungesühnt.

Atropa ist aber kein historisches Lehrstück. Vielmehr soll der Bogen gespannt werden von sinnlosen Kriegen der Antike bis heute, deren "Begründungen" oft genug - erinnert sei an den Irak-Krieg - auf puren Lügen beruhten. Insofern verflicht Lanoye Aussagen historischer Figuren mit jenen lebender Politiker wie George Bush, sodass sich beklemmende, ja erschreckende Parallelen auftun.

Eine große Rolle kommt dabei den weiblichen Figuren wie Iphigenie, Helena, Kassandra zu. Sie sind Opfer des Kriegs, die sich selbst viel zu lange an die Spielregeln halten und so Mitschuld auf sich laden - und am Schluss richten.
Susanne Bormann, Beat Marti und Gina Henkel in Atropa. Die Rache des Friedens - Szenenbild 3
Kassandra (Susanne Bormann), von Agamemnon (Beat Marti) zur Hure gemacht, und Andromache (Gina Henkel) nach der "Heimkehr". Foto: Daniela Incoronato, mit freundlicher Genehmigung von Anne Schneider.
Kassandra
Woran erkennt ein Mensch am besten sein'n Befreier?
Alles, was dessen menschlich-warmer Blick berührt,
Verdirbt. Sein Lächeln, unbeholfen und doch aufrecht,
Kann Ernten niederbrennen und dein Vieh verheern.
...
Nehmt an, Trojaner, das Geschenk aller Besiegten:
Verwandelt euch in Leichen oder in ein anders Volk.
 

Textauszüge mit frdl. Genehmigung des Verlags der Autoren.

Susanne Bormann in Atropa. Die Rache des Friedens - Szenenbild 3
Susanne Bormann kehrt als Kassandra in Agamemnons Gefolge heim. Foto: Daniela Incoronato, mit freundlicher Genehmigung von Anne Schneider.

Als Zuschauer gesehen

Der erste Eindruck trügt - zum Glück. Der Theaterdiscounter könnte Tarkowski bei "Stalker" als Kulisse gedient haben. Wenn hochkarätige Schauspieler hier gegen eine sicher überschaubare Gage mit einem wenig populären Stück auftreten, muss ihnen der Stoff Herzenssache sein.

Auf der Bühne ein Riesenbündel Holzscheite und eine Heer von Papierschiffen - Agamemnons Flotte. Da müssen die Emotionen von den Schauspielern kommen. Es ist geradezu frappierend, wie sie den beim Lesen vielleicht etwas trocken wirkenden Stoff mit Leben erfüllen. Ohne einen der Darsteller abzuwerten, muss man hier Gabi Herz' Klytämnestra erwähnen, die die Verzweiflung über den Verlust ihres Kindes geradezu heraus schreit, sodass es weh tut (worunter an einigen Stellen allerdings die Textverständlichkeit leidet). Ist ihr Schmerz über den Verlust der Tochter lange Zeit gegen Agamemnon gerichtet, vervielfacht er sich noch einmal, als ihr Kassandras Selbstopfer die Augen über ihre Mitschuld öffnet. Nicht minder intensiv in der Figur der trojanischen Ex-Königin Hekabe ist Jule Gruner, mit der man mitleidet über den Verlust ihrer Kinder und ihres Enkels und die die Verzweiflung schon fast an den Rand des Wahnsinns rückt. Und Susanne Bormann? Sie auf der Bühne zu sehen ist einmal mehr ein Erlebnis. Sie gestaltet die Iphigenie - im Grund ja noch ein Kind - von der verheißenen Ehe mit Achilles bis hin zu ihrer Aufopferung (böse Assoziationen an Volkssturm und Kindersoldaten werden wach) mit einer Mimik und Gestik, die von Beginn an gefangennehmen. Nicht minder eindrucksvoll später ihre Kassandra, die als erste der Frauen selbst richtet und damit - schmerzlich, aber dennoch auch befreiend - um den Preis der Selbstvernichtung endlich in die Offensive geht.

Merkwürdig abgehoben vom emotionsgeladenen Spiel der Darstellerinnen ist dagegen Beat Martis Agamemnon, der für den Feldherrn einer Weltmacht erstaunlich zurückhaltend agiert. Trotz der üblichen Phrasen wie "Rettung der Kultur, der Welt" ist Agamemnon kein offensichtlicher Unmensch, ja, er kann das Leid der Trojanischen Frauen ebenso "verstehen" wie das seiner eigenen Frau, was man ihm sogar abzukaufen gewillt ist. Das freilich dürfte (Lanoyes) Absicht sein: Goebbels-Propaganda ist unzeitgemäß, die heutigen Kriegstreiber sind smarte Kerle.

Zumindest die Premiere am 2. Mai war ausverkauft. Der lange und stürmische Beifall am Schluss und sechs oder sieben "Vorhänge" waren ein hochverdienter Dank für das wundervolle Ensemble um Regisseurin Anne Schneider, das uns einen ungewöhnlichen, aber um so eindrucksvolleren Theaterabend beschert hat. (MB)

Seitentitelbild: Theaterdiscounter Berlin, mit freundlicher Genehmigung.

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